| Stefan Zweig beschreibt
die letzte Station des Kaisers in seinem Reich:
Bei der Rückkehr nach Österreich über die Grenzstation Feldkirch
stand mir ein unvergeßliches Erlebnis bevor. Schon beim Aussteigen
hatte ich eine merkwürdige Unruhe bei den Grenzbeamten und Polizisten
wahrgenommen. Es kam der Glockenschlag, der das Nahen eines Zuges
ankündigte. Die Polizisten stellten sich auf, alle Beamten eilten
aus ihren Verschlägen. Langsam, majestätisch rollte der Zug heran,
ein Zug besonderer Art, ein Salonzug. Die Lokomotive hielt an. Eine
fühlbare Bewegung ging durch die Reihen der Wartenden, ich wußte
immer noch nicht warum.
Da erkannte ich hinter der Spiegelscheibe des Waggons hoch aufgerichtet
Kaiser Karl, den letzten Kaiser von Österreich und seine schwarzgekleidete
Gemahlin, Kaiserin Zita. Ich schrak zusammenen: Der letzte Kaiser von
Österreich, der Erbe der habsburgischen Dynastie, die siebenhundert
Jahre das Land regiert, verließ sein Reich! Weil er die formelle
Abdankung verweigerte, hatte die Republik seine Abreise erzwungen. Nun
stand der hohe ernste Mann am Fenster und sah zum letzten Mal die Berge,
die Häuser, die Menschen seines Landes.
Es war ein historischer Augenblick, den ich erlebte - und doppelt erschütternd
für einen, der in der Tradition des Kaiserreichs aufgewachsen war,
der als erstes Lied in der Schule das Kaiserlied gesungen, der später
in militärischem Dienst diesem Manne, der da in Zivilkleidung ernst
und sinnend blickte, Gehorsam zu Wasser, zu Land und in der Luft
geschworen.
Ich hatte unzählige Male den alten Kaiser gesehen in der heute längst
legendär gewordenen Pracht der großen Festlichkeiten, ich hatte
ihn gesehen, wie er von der großen Treppe in Schönbrunn, umringt
von seiner Familie und den blitzenden Uniformen der Generäle, die
Huldigung der achtzigtausend Wiener Schulkinder entgegennham, die, auf
dem weiten grünen Wiesenplan aufgestellt in rührendem Massenchor
Haydns Gott erhalte sangen. ...
Der Kaiser, dieses Wort war für uns der Inbegriff aller
Macht, allen Reichtums gewesen, das Symbol von Österreichs Dauer,
und man hatte von Kind an gelernt, diese zwei Silben mit Ehrfurcht auszusprechen.
Und nun sah ich seinen Erben, den letzten
Kaiser von Österreich als Vertriebenen das Land verlassen. ...
Die Lokomotive zog mit einem starken Ruck an, als müßte auch
sie sich Gewalt antun, langsam entfernte sich der Zug. ...
Ich wußte, es war ein anderes Österreich, eine andere Welt,
in die ich zurückkehrte.
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Inschrift der Büste in der Wiener Kaisergruft:
Carolus, Austriae Imperator
et Hungariae Rex apostolicus, natus in Castello Persenbeug 1887,
defunctus in exilio 1922.
Non corpore quidem sed suffragiis suis patriae semper praesens.
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