Bischof Burchardt von Worms
Aus: Rudolf Pörtner: Das Römerreich der Deutschen (eines
der besten Bücher deutscher Zunge.)

Worms zur Zeit von Bischof Burchardt |
Um das Jahr 950 waren die Salier, die Gaugrafen von
Worms: eine energiegeladene, höchst aktive Sippe, die mit den Bischöfen
einen Dauerstreit um die Führung in der Stadt austrug. Die Auseinandersetzungen,
die von beiden Seiten nicht gerade mit Samthandschuhen ausgetragen wurden,
überdauerten auch den Tod des Lechfeldsiegers
(der, wie man weiß, im Dom beigesetzt wurde) und führten schließlich
zu einem recht unerquicklichen Nebeneinander der beiden Gewalten, das
erst durch König Heinrich II. aus der Welt geschafft wurde. Er
handelte nämlich den salischen Besitz in Worms im Tauschverfahren ein,
verlieh seine Neuerwerbungen als Reichslehen dem Bischof und stattete
diesen überdies mit allen weltlichen Rechten in der Stadt aus.
Das geschah im Jahre 1002, als der noch um seinen Thron
ringende Heinrich von Bayern Stimme und Wohlwollen des Wormser Kirchenfürsten,
benötigte: des Bischofs Burchard, der die weitere Entwicklung der Stadt
wie kein anderer bestimmt hat. Burchard, um 965 als Sohn eines sächsischen
Grafen in der Nähe von Frankenberg an der Eder geboren, erwarb an den
Klosterschulen von Koblenz, Lüttich und Lobbes
einen vielbestaunten Bildungsfundus. Ebenso erfüllte ihn, wie sein anonymer
Biograph schreibt, die „heilbringende Weisheit“ des Mainzer Erzbischofs
Willigis, als dessen Stadtkämmerer und Bürgerschaftsvorsteher Burchard
sich die Verwaltungskenntnisse aneignete, die ihn später zu einer so
ertragreichen Führung seiner Diözese befähigten. Hier in Mainz, bei
der Weihe der Kirche zum Heiligen Victor, begegnete er 995 dem jungen
Otto m., der ihn fünf Jahre später zum Bischof von Worms erhob.
1001 zog er mit dem schwärmerischen Kaiser nach Italien.
Auch den heiligen Heinrich hat er auf seiner ersten Italienfahrt an
der Spitze eines zahlreichen Aufgebotes begleitet. Doch der Krieg war
Burchards Sache nicht; auch der großen Politik gegenüber hat er eine
auffällige Distanz gewahrt. War noch sein Vorgänger Hildebald Kanzler
des Reiches gewesen, so widmete Burchard alle Kraft dem Ausbau seines
zwischen den Bistümern Mainz, Metz, Speyer und Würzburg eingezwängten
Sprengels. Mit großem Erfolg übrigens - als er 1025 starb, hinterließ
er nach dem Urteil seines Magisters Hermann „die Wormser Kirche in mittäglichem
Sonnenglanz, schimmernd in lauter Vorzügen“.
Burchard war bei aller Frömmigkeit ein dem Leben zugewandter
Mann, der ersprießliche Arbeit höher schätzte als unergiebiges Eremitentum.
Er verschmähte asketische Bußübungen; Schlichtheit und Bescheidenheit
aber waren ihm Gesetz. Nach seinem unbekannten Biographen bestand seine
tägliche Nahrung nur aus Brot, Rüben und Früchten. Obwohl ihm die Reben
gleichsam zum Fenster hereinwuchsen, trank er mehr Wasser als Wein.
Nachts ging er oft mit einem Gefährten „still durch die Straßen der
Stadt und schaute in alle Ecken und Winkel, und wo er Arme und Kranke
fand, spendete er mit freigebiger Hand den Trost des Almosen … “
Mit Respekt verzeichnet der Chronist auch, daß sich
in Burchards Nachlaß keine Schätze, wohl aber Kästen voll zerlesener
Bücher fanden. Ebenso rühmt er seine pädagogischen Fähigkeiten. Der
Bischof kümmerte sich höchstpersönlich um jeden seiner Schüler, ließ
sich ihre schriftlichen Arbeiten vorlegen und zensierte und korrigierte
sie. Wenn er selbst Unterricht gab, verstand er seine Rede mit Bildern
und Beispielen aus dem Alltag zu würzen. Der Erfolg: die um 950 von
Bischof Anno gegründete Kanzleischule, die in der kurzen Zeit ihres
Bestehens bereits so kluge und bedeutsame Männer wie den Bischof Hildebald,
Reichskanzler unter Otto n. und Otto m., den ersten deutschen Papst
Gregor V., alias Brun von Kärnten und den Kölner Erzbischof Heribert
„herausgebracht“ hatte, galt unter Burchard als eines der angesehensten
Bildungsinstitute des Reiches.
Burchard versuchte auch das geistige Niveau der ihm
anvertrauten Geistlichen zu heben und entwarf zu diesem Zweck ein komplettes
Bildungs- und Ausbildungsprogramm, das zwar im wesentlichen aus Bibel-
und Kirchenväterexerzitien bestand, aber über die damals üblichen Anforderungen
doch bedeutend hinausging. Als tüchtiger Administrator verlangte Burchard
von seinen Klerikern auch die Kenntnis der kirchlichen Gesetze. Um ihnen
so etwas wie einen juristischen Leitfaden an die Hand zu geben, stellte
er in einem kleinen Kloster außerhalb von Worms, in das er sich gern
zu schöpferischer Arbeit zurückzog jene Sammlung kirchlicher Gesetze
zusammen, die schnell ihren Weg fand und schließlich unter dem Kurztitel
Burchardus auf dem ganzen Kontinent verbreitet war. Ihr folgte
später ein zweiter Codex, in dem er unter dem Titel Gesetze und Statuten
der Familie des Heiligen Petrus die Rechte der kirchlichen Hörigen
und Hintersassen niederlegte: das erste Rechtsbuch dieser Art überhaupt.
Doch das alles waren gewissermaßen Nebenprodukte im
Werk des „wunderbaren heiligen Mannes“. Seine größten Leistungen entwuchsen
seiner Bauleidenschaft, die er mit den meisten Kirchenfürsten jener
Zeit teilte. Burchard schuf das königliche Worms - eine der schönsten
und imposantesten Städte des deutschen Mittelalters.
Der unbekannte Klosterbruder, der voller Demut und
Einfalt das Leben Burchards zum Ruhm der Kirche beschrieben hat, löst
sich bei der Schilderung der Stadt Worms im Jahre 1000 vom Schema der
üblichen Heiligenviten und zeichnet mit kräftigen Strichen ein Stück
handfester Wirklichkeit.
Eine überraschende Feststellung: Burchard fand die
Civitas Wormatia „fast verödet“ und „im schlimmen Zustand“ vor.
„Die Einebnung des Walles nämlich und der schlechte Zustand der Mauer
ermöglichte Räubern und Raubtieren einen leichten Zugang. Man berichtet,
häufig hätten Wölfe vor aller Augen das Vieh verschlungen und die Leute,
die sie daran hindern wollten, durch unerschrockene Angriffe frecherweise
in Schrecken gejagt … Die Landstreicher und Diebe aber rühmten diesen
Ort als besonders geeignet für die Ausübung ihrer nichtswürdigen Absichten,
da weder die Befestigung durch einen Wall noch das Hindernis der Stadtmauer
… den Zugang erschwerte. Wenn aber einer der Bürger das geringste gegen
ihr Tun und Treiben sagte, den überfielen sie nachts, raubten alles,
was er hatte, und ließen ihn tot oder halbtot liegen.“
Schließlich, so behauptet der betrübte Chronist, hätten
viele Bürger die Stadt verlassen, außerhalb der Mauern Häuser gebaut
und sich hinter Zäunen, Planken und Palisaden gegen die räuberischen
Kreaturen verschanzt.
Es mag sein, daß Burchards Biograph die Szene hier
allzusehr verdunkelt hat, um die Leistung seines Helden um so strahlender
hervortreten zu lassen. Zweifellos befand sich die Stadt aber in einem
Zustand ständiger Beunruhigung, hervorgerufen durch die Tatsache, daß
das bischöfliche und gräflich-herzogliche Regime heftig konkurrierten,
wobei es auf beiden Seiten, wie selbst der geistliche Anonymus bekennt,
„zu Mord unt Totschlag“ kam. Burchards erster Entschluß war also: sich
einzuigeln. In der Sprache seines Biographen: da er der „Macht des Mächtigen“
nicht anders widerstehen konnte, „umgab er seinen Hof mit einer Mauer,
genau wie eine Burg, ließ eilig Türme und Wohnbauten, die sich zur Verteidigung
eigneten, aufführen und schaffte so im Innern der Stadt einen hinreichend
festen Schutz“. Offener Kampf innerhalb der civitas also. Hier
die Grafenburg, dort die Bischofsburg, beide schwer befestigt, während
die Stadtmauern verfielen. Krieg zwischen dem beiderseitigen Anhang:
Überfälle, Anschläge, Straßenschlachten. Flucht der Bürger „nach draußen“.
Man muß sich diese Situation vergegenwärtigen, um zu ermessen, was es
für das frühe Worms bedeutete, als Heinrich II. die Salier, geführt
vom Sohn des roten Konrad, Otto von Kärnten, aus der Stadt hinauskomplimentierte
und damit die Voraussetzung für einen gesunden Neubeginn schuf.
Bischof Burchard hat die Chancen, die sich ihm damit
boten, nach Kräften genutzt. „An demselben Tage, an dem der Herzog die
Stadt verließ, betrat der Bischof mit einer großen Schar seiner Leute
die Burg … und ließ diese bis auf die Grundmauern eiligst niederlegen.
Darauf erbaute er mit demselben Bauholz und denselben Steinen eine Kirche
und ein Stift zu Ehren des Heiligen Paulus, die er mit folgender Inschrift
schmückte: Zum Dank für die Befreiung der Stadt. Auf diese Weise hatte
der Gottesmann das Haus des Krieges in eine Kirche Christi umgewandelt.“
Grabungen in den Jahren 1928 bis 1930 haben diesen Bericht bestätigt
und ergänzt. Sie ergaben, daß die Salierburg in Worms eine Wasserburg
war, deren drei Meter tiefer Graben von einem Bach gespeist wurde. Die
Kirche, die Burchard errichten ließ, war 41 Meter lang und hatte drei
Schiffe sowie einen rechteckigen Ostchor, der nach „Wormser Art“ in
das Innere des Bauwerks verlegt war. Die Westfront bildeten die beiden
(heute durch ein Querhaus größtenteils verdeckten) Rundtürme, die das
über die Seitenschiffe hinaus verlagerte Mittelschiff flankierten -
eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Lösung.
Gestützt auf die Einnahmen, die nach der Befriedung
der Stadt wieder reichlich flössen, unterwarf Burchard aber nicht nur
die Salierburg, sondern die gesamte civitas einer gründlichen
Überholung und Verwandlung; in der Sprache seines treuherzigen Chronisten:
er „ließ nicht nach in frommen Werken“. Damals verschwand auch die Kathedrale
aus der Dagobert-Zeit und machte einem aufwendigen Neubau Platz: einer
„Kirche von wunderbarer Größe“, die mit solcher Schnelligkeit heranwuchs,
„daß es schien, als sei sie nicht errichtet worden, sondern wie auf
Wunsch plötzlich dort gestanden“. So konnte der neue Dom - zwar noch
nicht vollendet, aber bereits „herrlich anzusehen“ - schon 1018 bei
einem Worms-Besuch von Kaiser Heinrich II. geweiht werden.
Allerdings hatte Burchard seine Leute doch wohl zu
sehr zur Eile getrieben. Zwei Jahre später brach der Westteil in einer
stürmischen Nacht zusammen: ein Unfall, der zwar „großen Jammer verursachte“,
aber das Tempo des Dombaues kaum minderte. Nach weiteren zwei Jahren
war die neue Bischofskirche wieder zur alten Höhe emporgeführt, und
Burchard konnte damit beginnen, die Kapitelle der Säulen zu vergolden
und seinen Dom „mit mannigfacher Zier zu schmücken“.
Wie der Burchard-Dom aussah, verrät die bischöfliche
Biographie nicht. Da sich beträchtliche Teile erhalten haben, so die
Untergeschosse der beiden Westtürme und das gesamte Fundament, kann
man jedoch zumindest den Grundriß mit ausreichender Genauigkeit wiedergeben.
Es handelte sich ebenfalls um eine (wahrscheinlich flachgedeckte) dreischiffige
Pfeilerbasilika mit Ostquerschiff und sehr geräumigem Langhaus, das
im Westen in einer (durch Grabung erschlossenen und später kenntlich
gemachten) halbrunden Apsis endete - ein herkömmlicher Bau also, mit
allen stilistischen Merkmalen der ottonischen Architektur. Dom und Paulusstift
allein vermochten die überschäumende Baulust des Bischofs aber nicht
zu stillen. Die wahrscheinlich schon unter Otto III. (der Überlieferung
nach über einem Kerker des Heiligen von Tours) entstandene Martinskirche
erhielt unter Burchard ihre bis heute fortlebende Grundgestalt. Im Jahre
1020 siedelte er das außerhalb der Mauer gelegene Andreasstift in die
Stadt um und schuf damit die bauliche Dominante der Wormser Südstadt.
In der südlichen Vorstadt errichtete er das Kloster Mariamünster, in
Worms-Hochheim die berühmte Bergkirche mit ihrer schönen, erst in den
dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts wieder freigelegten Krypta. Die
in der karolingischen Zeit wurzelnde Magnuskirche ließ er durchgreifend
erneuern, ebenso die Johanneskirche auf der Südseite des Domes, einen
älteren Zentralbau, der als Baptisterium diente.
Hier am Dom lag auch die königliche Pfalz, die zumindest
seit dem Auszug der Salier aus Worms mit dem Bischofshof identisch war.
Für die Zeit vor Burchard läßt sich diese Identität nicht mit gleicher
Eindeutigkeit beweisen. Die mit diesem Problem befaßten Untersuchungen
nennen weitere fünf Plätze, die als Standort der Pfalzgebäude in Frage
kommen:
- den Königshof Neuhausen,
- die Grafenburg der
Salier,
- den Standort der 1689
vernichteten Neuen Münze am Markt,
- die „Örtlichkeit“
der Alten Münze im Nordteil der Stadt, wo bis 1899 der sogenannte Pfalzgrafenhof
stand, und
- das Gelände vor der
mittelalterlichen Leonhardspforte im Süden der Stadt, wo Ludwig der
Deutsche eine Pfalz errichtet haben soll.
Den höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad beansprucht allerdings
immer noch die Annahme, daß die Herrscher schon im frühen Mittelalter
- und nicht erst seit Heinrich II. - während ihrer Aufenthalte
in Worms „beim Bischof“ abstiegen. Die gängigen Rekonstruktionsversuche
zeigen die königlich-bischöfliche Pfalz daher in unmittelbarer Symbiose
mit dem Dom, als einfachen zweistöckigen Annexbau, der sich senkrecht
an den Westteil der Kathedrale anlehnt. Das Wohngebäude schließt ein
Querhaus ab: der für die großen Empfänge und Audienzen notwendige Saalbau,
zu dem von dem weiträumigen Platz vor der Pfalz aus eine Treppe emporführte.
Ob Burchards Bauleidenschaft sich auch auf die Pfalz
erstreckt hat, geht aus den zeitgenössischen Quellen nicht hervor. Dom
und Kirchenkranz genügen jedoch, ihn als einen der großen Bauherren
der ottonischen Epoche auszuweisen, der gleichrangig neben Bernward
von Hildesheim, Willigis von Mainz oder Werinher von Straßburg steht.
Buchards Bauten bestimmten nicht nur die topographischen Grundzüge der
hochgelobten, vielbesungenen hochmittelalterlichen Stadt, sie sind,
trotz allen späteren Zerstörungen und Veränderungen, bis heute die architektonischen
Fixpunkte von Worms geblieben. Tausend Jahre lang haben sich seine Bürger
immer wieder an den Grundlinien und Großbauten der Burchard-Stadt orientiert.