Die Staatslehre des hl. Thomas
Nach seinem Werk "Über die Herrschaft
der Fürsten". Es wird gezeigt, daß für Thomas
von Aquin die Monarchie die perfekte Staatsform ist. Die Demokratie
ist für den Aquinaten hingegen eine abzulehnende Verfallsform.
Eine Rezension von Martin Möller
Obwohl das Buch "Über die Herrschaft der Fürsten"
einem Fürsten, dem Kreuzfahrer-König Hugo II. von Sizilien
und Jerusalem gewidmet ist, spricht der hl. Thomas mit größten
Freimut auch über andere mögliche Staatsformen und über
die Entartungen der staatlichen Gewalt. In der westlichen Welt könnte
sich derartiges analog heute kein einziger Historiker mehr leisten
ohne Karriere, Ruf, Leben und Freiheit zu riskieren.
Der hl. Thomas geht von der Natur des Menschen aus und deduziert
von hier aus die Notwendigkeit des Staates und der Herrschaft. Er
kommt zu dem Schluß:
"Wenn also eine Gesellschaft von Freien
von ihrem Führer auf das Gemeinwohl der Gesellschaft hingelenkt
wird, so wird diese Regierung recht und gerecht sein, wie es Freien
angemessen ist."
Dies dürfen wir als klassische Definition des idealen Staates
ansehen, wobei stets präsent zu halten ist, daß das "Gemeinwohl"
nur im Lichte der kirchlichen Lehre zu definieren ist. Dies betonte
Thomas nicht nur in diesem, sondern auch in vielen anderen Werken.
Dies gilt auch noch heute!
Als Staatsformen nennt Thomas analog zu Aristoteles bzw. Platon
Monarchie, Aristokratie und Politie, als deren Verfallsformen bezeichnet
er Tyrannis, Oligarchie und Demokratie. Die
Demokratie wird also bei Thomas, so wie in der antiken und in der
gesamten christlichen Staatslehre als Negativum betrachtet.
Allerdings scheint Thomas sie unter den Verfallsformen am höchsten
einzuordnen, denn er meint, daß die Tyrannis des Einzelnen
die schlimmste Entartung des Staates darstellt, so wie die gottwohlgefällige
Monarchie die höchste Form des Staates ist.
"Von den Formen einer ungerechten Regierung
ist die Demokratie also immerhin erträglicher, die allerschlimmste
aber ist die Tyrannis."
Thomas stellt sich die Frage, ob ein Staat von einem oder von
einem Kollektiv gelenkt werden sollte. Er kommt zu dem Ergebnis,
daß die Herrschaft eines Einzelnen das Beste sei. Neben vielen
weitern Argumenten führt er an:
"Es ist immer das Beste, was der Natur
entspricht; in den Einzelnen wirkt die Natur immer das Beste."
Als Erfahrungswert nennt er, daß "die Provinzen …,
die nicht von einem regiert werden, an inneren Zwistigkeiten leiden."
Und mit feiner Ironie zitiert er: "Viele Hirten haben meinen
Weinberg verderbt." (Jer 12, 10) Thomas kommt zum tausendfältig
geschichtlich bestätigten Schluß:
"Landschaften und Städte, die von
einem Fürsten geleitet werden, erfreuen sich des Friedens,
sie blühen auf, da die Gerechtigkeit herrscht und blühen
auf in glücklichstem Überfluß. So verspricht es
auch der Herr seinem Volk durch die Propheten wie ein großes
Geschenk, daß er ihnen ein Haupt setzen und daß ein
Herrscher in ihrer Mitte sein werde."
Auch die Gefahr des Umschlagens in Gewaltherrschaft veranschlagt
Thomas bei einer Herrschaftsform der Vielen als erheblich größer
als bei der Monarchie. In seinen Ausführungen nimmt er in prophetischer
Weise die Etablierung der NS- und Bolschwewismus-Diktatur aus einer
Mehrzahlherrschaft vorweg:
"Es ereignet sich keineswegs selten,
daß eine von mehreren ausgeübte Herrschaft sich in eine
Tyrannis verkehrt … Fast jede von mehreren geübte Herrschaft
ist schließlich zu einer Tyrannei geworden. … Es bleibt
das Ergebnis, daß es schlechthin zweckmäßiger ist,
unter einem König als unter der Herrschaft von vielen zu leben."
Aus düsterer geschichtlicher Erfahrung stellt der Aquinate
nun die die Frage, wie sich die Menge gegen die Tyrannis des Einzelnen
sichern kann. Er nennt drei Maßregeln: Zum ersten weist er
auf die große Verantwortung bei der Bestimmung des Herrschers
hin. Hier tragen diejenigen Aristokraten hohe Verantwortung, die
den König einsetzen, für Deutschland wäre also die
Kurversammlung angesprochen. Sodann empfiehlt Thomas verfassungsmäßige
Sicherungen vor Machtmißbrauch. Von der Möglichkeit des
impeachments haben die deutschen Kurfürsten bekanntlich
bei König Wenzel im Jahre 1400 Gebrauch gemacht. Zum dritten
rät Thomas dazu, sich rechtzeitig zu überlegen, wie man
ggf. einen tyrannischen Herrscher wieder los wird. Hier rät
Thomas allerdings zu Vorsicht und Besonnenheit:
"Wenn die Gewaltherrschaft nicht zu
einem besonderen Übermaß ausartet, ist es wohl besser,
eine Tyrannis, die sich in gewissen Grenzen hält, eine Zeitlang
zu ertragen, als sich durch Unternehmungen gegen den Tyrannen in
Gefahren zu verwickeln, die noch weit schwerer sind, als die Tyrannis
selbst."
Diesen Gedanken führt Thomas weiter aus. Er weist dabei darauf
hin, daß diejenigen, denen es gelingt, einen Tyrannen zu beseitigen,
noch viel übler sein können als dieser. Ja, er glaubt
ein geschichtliches Gesetz zu erkennen, nach dem auf einander folgende
Tyranneien stets an Schlechtigkeit zunehmen. Den Tyrannenmord hält
Thomas eher aus praktischen Gründen für nicht ratsam,
besser sei ein verfassungsmäßiges Vorgehen. Letztlich
stellt Thomas auf ein verfassungskonformes "Amtsenthebungs-Verfahren"
auch in der Monarchie ab. Thomas spricht vom "Recht der Oberen"
einen König einzusetzen. Daraus gehe hervor, daß die
Oberen auch das Recht haben, den König bei schwerster Pflichtverletzung
abzusetzen. Er nennt ein interessantes Beispiel:
"So ist auch Domitian, der nach den
maßvollsten Kaisern, seinem Vater Vespasian und seinem Bruder
Titus, die Herrschaft angetreten hatte, von römischen Senat
ermordet und alles, was er in verkehrter Weise den Römern auferlegt
hatte, durch Senatsbeschluß für nichtig erklärt
worden. Dadurch ist es geschehen, daß der selige Evangelist
Johannes, der Lieblingsjünger Gottes, der durch Domitian selbst
auf die Insel Patmos verbannt worden war, durch Senatsbeschluß
[zurück] nach Ephesus gesandt wurde."
Als Summe der Überlegungen rät Thomas, man solle sich
einer Tyrannei ausgesetzt "an Gott wenden, der da in Trübsal
zu richtiger Stunde als Helfer erscheint."
Des weiteren weist Thomas auf den wichtigsten Aspekt der Monarchie
hin, nämlich den, daß der König "in Ausübung
seines Herrscheramtes ein Diener Gottes ist". Ein König
darf also den Lohn für sein schweres Wirken (ausschließlich)
von Gott erwarten. Diesen Gedanken führt Thomas ausführlich
mit vielen Bibelstellen und historischen Belegen aus. Thomas zitiert
den berühmten Augustinischen Fürstenspiegel:
"Denn wir preisen manche christlichen
Kaiser nicht darum glücklich, weil sie länger regierten
oder eines sanften Todes starben und ihren Söhnen die Herrschaft
hinterließen, oder weil sie die Feinde des Staates niedergeworfen
und bösartige Bürgeraufstände entweder verhütet
oder unterdrückt haben. Solche und andere Gnadengaben und Tröstungen
dieses sorgenvollen Lebens konnten auch Dämonenverehrer empfangen,
die am Himmelreich keinen Anteil haben wie sie; und zwar ist es
Gottes Barmherzigkeit, die das so fügt, damit die an ihn Glaubenden
dergleichen Erdengüter nicht als Höchstes von ihm begehren."
Und erfährt fort: "In diesem Sinne kann es also als Wahrheit
anerkannt werden, daß Ehre und Ruhm [bei Gott] der Lohn der
Könige sind. … Das ist jene Ehre, von der König
David … sagte: "Deine Freunde o Gott, sind ohne Maßen
geehrt!" Diejenigen, die diesen Ruhm suchen, finden ihn auch.
Dabei erlangen sie überdies den Ruhm unter den Menschen, den
sie nicht suchen. Dafür ist Salomon ein Beispiel, der nicht
allein die Weisheit, die er suchte, von Gott erhielt, sondern auch
an irdischem Ruhm über alle anderen Könige erhoben wurde."
Weiter unten führt Thomas aus, daß die Monarchie auch
deshalb optimal zu nennen ist, weil sie der Herrschaft Gottes über
Himmel und Erde am ähnlichsten ist. Auch verweist er auf hierarchische,
monarchische Strukturen in Natur und Tierreich.
"Dessen muß sich also ein König
bewußt werden: daß er daß er das Amt auf sich
genommen hat, seinem Königreich das zu sein, was die Seele
für den Leib und Gott für die Welt bedeutet. .. Und er
wird Milde und Güte walten lassen, wenn er diejenigen, die
unter seiner Herrschaft stehen, wie Glieder seines eigenen Körpers
betrachtet."
Die Maßstäbe des Regierens leitet Thomas für den
Monarchen, wie aber analog für jeden Regenten, von den Maßstäben
der göttlichen Ordnung ab. Thomas weist auf einen äußerst
wichtigen Maßstab jeder staatlichen und Regierungstätigkeit
hin: "Man kann das Amt des Regierens nicht voll erkennen, wenn
man das Grundgesetz der Errichtung des jeweiligen Staatswesens nicht
kennt." Diesen Gedanken führt Thomas sehr sorgfältig
aus und resümiert: "Alles konnte aus der Ähnlichkeit
[der Staatsgründung bzw. der Regierungstätigkeit] mit
der Erschaffung der Welt abgeleitet werden. Im 14. Kapitel weist
Thomas darauf hin, daß keine Regierungstätigkeit möglich
ist, wenn nicht deutlich bewußt ist, daß auch das Wirken
des Staatsmannes auf das letzte Ziel, nämlich Gott gerichtet
sein muß.
"Nun muß aber das Urteil über
das letzte Ziel der ganzen Gesellschaft dasselbe wie über das
Endziel des einzelnen sein. Wenn also das Endziel des Menschen ein
Gut wäre, das in ihm selbst liegt, so wäre es gleicherweise
das Endziel für die Regierung der Gesellschaft, dieses Gut
zu erlangen und zu bewahren. Wäre so bei dem einzelnen oder
der Gesellschaft das körperliche Dasein und die Gesundheit
des Leibes der letzte Zweck, so fiele das Amt dem Arzt zu. Wäre
es aber Überfluß an anderen Gütern, so wäre
ein Kenner der Wirtschaft der Führer der Gesellschaft. Wäre
schließlich das Gut eine Erkenntnis der Wahrheit von solcher
Art, daß es die vielen zu erlangen vermöchten, wäre
das Amt des Königs das eines Gelehrten. Nun ist es aber nach
allem Anschein das Endziel der zu gemeinsamem Leben vereinigten
Gesellschaft, nach der Tugend zu leben. Denn dazu begründen
die Menschen eine Gemeinschaft, daß sie nun vereint gut leben,
was jeder im Leben als einzelner nicht erreichen kann. Gut
leben aber heißt leben, wie es die Tugend verlangt."
Thomas erwägt im weiteren die heidnische Lehre, daß
der Fürst nur noch der materiellen Wohlfahrt seines Staatswesens
zu streben habe und jenseitige Aspekte außer Acht zu lassen
hat. Er verwirft diese Lehre und fährt dann fort mit der Feststellung,
daß das christliche Königtum ein priesterliches Amt sei,
das sich dem Bischof von Rom zu unterwerfen habe.
Für ein gutes Leben im Staate nennt der Aquinate drei Erfordernisse.
1. Einheit der Gesellschaft in Frieden und Glauben [man vergleiche
die Lehren des "2. Vatikanums" und des jetzigen Papstes.]
2. Eine weise Staatsführung im Sinne der Kirche
3. Vorsorge des Herrschers für die irdischen Gegebenheiten
Als Aufgaben des Königs nennt Thomas die Sorge für guten
und fähigen Nachwuchs, das Lob der Tugend und die Bestrafung
der Bosheit, die Sicherung des Volkes und des Staates vor äußeren
Feinden. Ferner müsse der König "das Unzweckmäßige
richtigstellen, das Fehlende ergänzen, und dort, wo Verbesserung
möglich ist, nach Vervollkommnung streben.
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