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Der Orgelchoral „Vor deinen Thron tret’ ich hiermit“ von Johann Sebastian BachEin Aufsatz von Martin Möller.
Der OrgelchoralDer Orgelchoral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ gehört zu den bekanntesten Orgelwerken Bachs. Seine Verbindung mit der mythenumwobenen „Kunst der Fuge“ sicherte ihm, auch durch die lange Zeit geübte Praxis, diesen Choral bei Aufführungen der „Kunst der Fuge“ als Abschlußsatz erklingen zu lassen, eine Popularität, die der Popularität der d-moll-Toccata nahekommt. Diese Popularität ist durchaus berechtigt, gehört doch der Choral tatsächlich zu den tiefsinnigsten Orgelwerken Bachs. In den vergangenen Jahrzehnten gab es jedoch auch immer wieder Streit um den Choral. Es stellten sich die Fragen: Gehört er tatsächlich zur „Kunst der Fuge“? Hat Bach ihn wirklich auf dem Sterbebett komponiert? Welchen Titel hat die Komposition eigentlich? Werfen wir deshalb einen Blick auf diesen Choral und seine Entstehungsgeschichte. Bachs erster Biograph, Johann Nikolaus Forkel, kannte den Choral aus dem Druck der „Kunst der Fuge“. In seinem Bach-Buch, der ersten Bach-Monographie überhaupt, schrieb er: „Zum Ersatz des Fehlenden an der letzten Fuge (der „Kunst der Fuge“, d.V.) ist dem Werke am Schluß der 4stimmig ausgearbeitete Choral: Wenn wir in höchsten Nöten sind etc. beygefügt worden. Bach hat ihn in seiner Blindheit, wenige Tage vor seinem Ende seinem Schwiegersohn Altnikol in die Feder dictiert. Von der in diesem Choral liegenden Kunst will ich nichts sagen; sie war dem Verfasser desselben so geläufig geworden, daß er sie auch in der Krankheit ausüben konnte. Aber der darin liegende Ausdruck von frommer Ergebung und Andacht hat mich stets ergriffen, sooft ich ihn gespielt habe, so daß ich kaum sagen kann, was ich lieber entbehren wollte, diesen Choral oder das Ende der letzten Fuge.“[1] Forkel, der Begründer der Musikgeschichtsschreibung in Deutschland, hatte Bach selbst nicht gekannt, war er doch bei Bachs Tod erst ein Jahr alt gewesen. Er stand jedoch in engem Kontakt zu den Söhnen Bachs, namentlich Karl Philipp Emanuel Bach, auf deren Berichte er sich beim Verfassen seines Werkes „Über J. S. Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke“ stützen konnte. Karl Philipp Emanuel hatte bekanntlich als erstes Werk nach dem Tod des Vaters im Jahre 1751 die „Kunst der Fuge“ im Druck herausgegeben, ein Projekt, das Bach selbst noch zu Lebzeiten fast fertiggestellt hatte. Am Schluß des Druckes stand der (Orgel-)Choral mit der Überschrift „Choral. Wenn wir in hoechsten Noethen. CantoFermo in Canto.“ Karl Philipp Emanuel wählte diesen Choral sicherlich, weil er wußte, daß sein Vater zuletzt daran gearbeitet hatte. Im Vorwort zur Erstausgabe der „Kunst der Fuge“ schrieb er: „Der selige Herr Verfasser dieses Werkes wurde durch seine Augenkrankheit und den kurz darauf erfolgten Tod außer Stande gesetzet, die letzte Fuge, wo er sich bey Anbringung des dritten Satzes namentlich zu erkennen giebet, zu Ende zu bringen; man hat dahero die Freunde seiner Muse durch Mittheilung des am ende beygefügten vierstimmig ausgearbeiteten Kirchenchorals, den der selige Mann in seiner Blindheit einem seiner Freunde aus dem Stegereif in die Feder dictiret hat, schadlos halten wollen.“[2] Bach hatte sich etwa drei Monate vor seinem Tode, am 28. März und am 7. April 1750 zweier Augenoperationen unterzogen, die eine erhebliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes mit sich brachten. In der Zeit zwischen den Operationen und dem Tod war Bach schwer krank und zwar so krank, daß er wohl nur noch wenig arbeiten konnte. Am Montag, dem 20. Juli 1750, fast vier Monate nach den Operationen, erlitt Bach einen Schlaganfall, der seinen Gesundheitszustand nochmals erheblich verschlechterte. Das Lebensende nahte und Bach wurde klar, daß er bald sterben würde. Über die acht Tage bis zu seinem Tode wissen wir nur zweierlei sicher: Zum einen erschien am folgenden Mittwoch der Beichtvater Bachs, Archidiakonus[3] D. Wolle, um ihm die Sakramente, d.h. nach lutherischer Lehre das Hl. Abendmahl zu spenden. Zum anderen beschäftigte sich Bach in seinen letzten Lebenstagen mit dem Orgelchoral „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“, um ihm eine letztgültige Fassung zu geben. Wahrscheinlich ließ er ihn sich auf seinem Pedalcembalo vorspielen und der Spieler selbst oder eine weitere Person trug dann das Werk mit den von Bach mündlich genannten Änderungen in den Sammelband ein, in dem bereits die Orgelsonaten, 17 Choralbearbeitungen und das Variationswerk über „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ standen.[4] Über diesen Vorgang schrieb Philipp Spitta: „Wenn es für Bachs kirchliche Vokalmusik charakteristisch erscheinen mußte, daß sein Geist, nachdem er alle Weiten des Kunstgebietes durchmessen hatte, endlich in der Choralkantate sein Genügen fand, so ist es nicht weniger bedeutsam, wie er bis in die letzten Lebensjahre den Orgelchoral pflegte. In mächtigem Bogen strömt seine Kunst allgemach zu der Quelle zurück, von der sie einst ihren Ausgang nahm. Händels Entwicklungslauf ist der eines stolzen Flusses, welcher den Schiffer zuletzt in das Weltmeer hinaus trägt. Bach führt durch alle Höhen und Tiefen des Lebens endlich wieder in die stille Heimath zur Ruhe und Beschaulichkeit. Er schenkt sich nicht weg an die Welt, sondern umschließt dieselbe mit seiner Persönlichkeit. Dieser subjektive Zug seiner Musik wird zu keiner Zeit undeutlich, aber in der letzten Lebensperiode macht er sich stärker bemerkbar, als bisweilen in den Jahren vollster Manneskraft. Der Orgelchoral ist unter allen Formen, die Bach ausbaute, die subjektivste, und hatte sich zugleich für sein Leben als die ergiebigste erwiesen. Wie sehr sein Herz an ihr hing, bewies er wenige Tage vor dem Tode. Die letzte Komposition, welche er des Augenlichtes beraubt mit Hilfe Altnikols ausarbeitete, war die Erweiterung eines Orgelchorals „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“ aus früherer Zeit. Seine tiefsten Lebenskräfte hat er bis ans Ende einer Form geweiht, deren Inhalt die Empfindung des Glückes ist, Gott in der Gemeinde loben und anbeten zu können. Wie Augustinus dachte auch Bach: „Du hast uns zu dir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“.“[5] Es fällt auf, daß der Titel des Chorals in der „Kunst der Fuge“ lautet: „Wenn wir in höchsten Nöthen“, während das Werk im Sammelband „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ heißt. Grund hierfür ist die Tatsache, daß Bach erst in den letzten Tagen vor seinem Tode den Titel ändern ließ. Grund für diese Entscheidung waren sowohl die ausgesprochen trinitarische Adressierung des Morgen- und Gebetsliedes des Goslarer Berghauptmanns Bodo von Hodenberg, als auch die Bitte um ein seliges Ende, die Bach in seinen letzten Lebenstagen erfüllt hat. Karl Philipp Emanuel ließ aber erstaunlicherweise nicht diese Letztfassung abdrucken, sondern die ältere Fassung. Warum er dies tat, ist bis heute strittig, da Karl kein Zeugnis über diesen höchst bedeutungsvollen Vorgang hinterließ. Folgende Möglichkeiten kommen in Frage: 1. Karl verwechselte die beiden sehr ähnlichen Fassungen. 2. Karl wußte nicht, welche Fassung die Endfassung gewesen ist. 3. Karl hatte zum Zeitpunkt der Druckvorbereitung das Manuskript der Endfassung nicht zur Hand und wählte deshalb die frühere Fassung. 4. Karl zog die frühere Fassung aus uns unbekannten Gründen vor. Es scheint, daß Möglichkeit 3 die wahrscheinlichste ist, beantwortet sie doch auch die Frage nach dem Titel am schlüssigsten. Die Druckfassung des Chorals in der „Kunst der Fuge“ war vielleicht schon in den späten 1730er Jahren als Umarbeitung und Erweiterung des Chorals „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“ aus dem sogenannten „Orgelbüchlein“ entstanden. Das „Orgelbüchlein“ ist eine Sammlung kurzer Choralvorspiele für Orgel, die vor 1720 in Weimar und Köthen entstanden war. Bach hatte den Choral „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“ dann bei der Umarbeitung von 12 auf 45 Takte erweitert und seine kompositorische Struktur so erheblich verändert, daß der Zusammenhang zwischen der alten und neuen Fassung nicht ohne weiteres sichtbar blieb. Die Bearbeitung beruht auf einer Isolierung der Unterstimmen, auf ihnen basierend schuf Bach völlig neue siebentaktige Zeilenvorimitationen und erweiterte so den zuvor neuntaktigen Satz auf volle 45 Takte. Statt der reichen Verzierungen im Orgelbüchlein ließ Bach den Cantus firmus nunmehr in einfachen Notenwerten vortragen. Lediglich in der ersten Zeile fügte er in den Cantus firmus drei Noten ein, die dazu führten, daß nunmehr die erste Zeile 14, der gesamte Cantus firmus 41 Noten zählte. Diese Zahlen waren Bach wichtig, repräsentierten sie doch seinen Namen:
9(j)+18(s)+ 2(b)+1(a)+3(c)+ 8(h) = 41.
Bach ging es darum, mit der Erweiterung des Chorals sowohl ein persönliches Bekenntnis abzulegen, als auch die Worte dieses Chorals sich affirmativ anzueignen:
Die in der Literatur häufig erwähnte Tatsache, daß Bach die erste Zeile des Chorals auf 14 Noten erweitert und somit der Cantus nunmehr 41 Noten zählte, steht also nicht in Zusammenhang mit der Todesnähe bzw. der Änderung des Titels unmittelbar vor dem Tod Bachs.
Die ÄnderungenVon der „Bearbeitung der Bearbeitung“, der auf dem Totenbett diktierten Fassung, existieren lediglich die ersten 26 Takte, da die letzte Seite des Reinschriftmanuskriptes in der „Leipziger Originalhandschrift“ verloren gegangen ist. Ebenso ist die Konzeptniederschrift Altnikols verloren gegangen, was besonders bedauerlich ist. Die Reinschrift fand übrigens über Karl Philipp Emanuel Bach und Georg Pölchau ihren Weg in die Berliner Staatsbibliothek. Wer von den Besitzern für den Verlust der letzten Seite verantwortlich ist, kann nicht mehr festgestellt werden. Karl Philipp Emanuel gilt als verantwortungsvollster Erbe seines Vaters, sein Erbe Bachscher Manuskripte ist fast ausnahmslos erhalten. Interessant ist es, die Erweiterte Fassung „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“ mit dem Bruchstück der Reinschrift „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ zu vergleichen. Wir dürfen davon ausgehen, daß der unbekannte Kopist das Diktatmanuskript Altnikols kurz nach dem Diktat durch Bach bis ins letzte korrekt in den Bachschen Sammelband eintrug, in dem bereits 17 Choräle und die „Kanonischen Variationen über Vom Himmel hoch“ standen. In den Unterschieden zwischen diesem Eintrag und der Druckfassung des Chorals in der „Kunst der Fuge“ dürfen wir mit höchster Sicherheit die letzten kompositorischen Spuren Bachs erkennen, Spuren, die er bereits auf dem Wege vor Gottes Thron hinterlassen hat. Obwohl von den 45 Takten lediglich 26 Takte erhalten sind, läßt sich die Intention Bachs in einigen Punkten ahnen. Drei Änderungen sind rein orthographischer Natur, die an der klingenden Gestalt nichts ändern. In Takt 14 schreibt Bach im Sopran eine Bindung Halbe-Viertel statt einer punktierten Halben, im gleichen Takt setzt Bach ein scheinbar überflüssiges Kreuz vor das Fis. Im Takt 19 setzt der Cantus firmus im Sopran ein und hier steht über dem oberen Notensystem im Gegensatz zur Druckfassung das beziehungsreiche Wort „Choral“. Warum hat Bach hier auf den Eintritt des Cantus hinweisen wollen? Dürfen wir in diesem Hinweis eine affirmative Verstärkung und Subjektivierung des Sinngehaltes vermuten? Mit letzter Sicherheit läßt sich diese Frage nicht beantworten. Drei weitere Änderungen betreffen die rhythmische Ausprägung der Komposition. Im Takt 7 fügte Bach in der ersten und dritten Zählzeit im Tenor je zwei Sechzehntelnoten ein (g, fis, fis, e). Im Takt 9 wurde in der ersten Zählzeit im Baß aus zwei Achteln eine punktierte Achtel mit Sechzehntel. Im Takt 26 in der ersten und zweiten Zählzeit wurde der Alt analog punktiert. Diese Veränderungen bewirken vor allem eine rhythmische Verdichtung und Belebung. Eine interessante Veränderung bringt der Takt 10. Hier ändert Bach die fünfte Note im Baß von G auf E. Aus einem Ganzschluß wird an dieser Stelle ein Halbschluß, der den musikalischen Fluß des Stückes günstig beeinflußt. Bach hat im Angesicht des Todes also auch noch über schlichte musikalischen Einzelheiten des Werkes nachgedacht und diese gestaltet. Weitere Änderungen Bachs sind nicht feststellbar, da, wie gesagt, die Niederschrift der Komposition ab Takt 27 fehlt. Wie dürfen wir die Änderungen des Chorals auf dem Totenbett deuten? Zweifellos hat Johann Sebastian Bach schon seit frühester Jugend sein gesamtes Werk sub species aeternitatis geschrieben, vor Gottes Thron also, auf den hin er sein Leben und sein Wirken ausrichtete. Er war kein Frömmler, wußte er doch, daß der Mensch allzeit Sünder bleibt [6] und bis zum letzten Atemzug auf Gottes Gnade angewiesen ist. Die Freude darüber, daß Jesus dem Sünder die Vergebung und die Erlösung von allem Bösen erwirkt und zugesprochen hat, bestimmte sein Leben. Diese aus felsenfester Heilsgewißheit gewonnene Freude gab ihm die schier unvorstellbare Kraft, sein Leben lang nach höchster Perfektion, nach letzter Vollendung zu streben. Diese Vollendung erstrebte und erlangte er mit der letzten Bearbeitung seines Chorals „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“. Mit dem Titel des Gebets- und Morgenliedes „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ wurde dieser Choral zur Summe Bachs Leben:
[1] Forkel, Johann Nikolaus: Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke - Für patriotische Verehrer echter musikalischer Kunst. Leipzig 1802. Zit. nach der Ausgabe aus dem Henschelverlag Berlin 1970. S. 94f. [2] Karl Philipp Emanuel Bach: Vorwort zur Druckausgabe der Kunst der Fuge, Leipzig 1751 [3] d. i. ein Pfarrer [4] In der Neuen Bachausgabe bezeichnet als "Leipziger Originalhandschrift" [5] Spitta Bd. II, S. 701 [6] dies zumindest die lutherische Auffassung |