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Gefahren der Freiheit

Ton Koopmans mißglückter Cembaloabend mit Werken J. S. Bachs. Von Peter Uehling. „Berliner Zeitung“ von ca. 2007

Wer bislang glaubte, das Ethos der Vertreter der historischen Aufführungspraxis sei durch liebende Sorgfalt und selbstlose Bemühung um das Werk von der subjektivistischen Arroganz traditioneller Virtuosen unterschieden, wurde am Montag im Kleinen Saal des Konzerthauses durch Ton Koopmans katastrophalen Cembaloabend schwer enttäuscht. Nicht nur verspielte sich Koopman so oft, daß man beinah vor jedem Ton in Deckung ging, nicht nur verwandelte , sich das Cembalo unter seinen Händen und heftig drückenden Unterarmen wieder in jene klirrende Kiste, die man als unselbstständige Vorform des Klaviers anzusehen sich eigentlich schon abgewöhnt hatte - das alles wäre zur Not noch zu ertragen gewesen.

Der schwerste Mangel war Koopmans Unfähigkeit, einen melodischen Zusammenhang herzustellen: Da war nichts zu spüren von der so oft von Bach angemahnten „cantablen Art“ des Spiels. Koopman kümmert sich nicht um die zu treffende Beobachtung des Kritikers Johann Adolf Scheibe, daß Bach alle seine Verzierungen „mit eigentlichen Noten ausdrücke“, sondern er schüttet noch ein gerüttelt Maß an Mordenten und Prallern ins Geschehen und begräbt damit die Linie unter einem scheppernden Chaos. Das Notenbild der D-Dur-Fuge aus dem zweiten Teil des „Wohltemperierten Claviers“ besteht fast nur aus Achteln und wird von Koopman in eine Folge von gestocherten Akkorden umgesetzt, die als Continuobegleitung schon nicht besonders gut musiziert wäre, als Unterschlagung der Motive, aus denen die Akkorde zusammengesetzt sind, aber geradezu idiotisch anmutet. Erst nachdem sich Koopman in vier Kanons aus der „Kunst der Fuge“ ausgenüchtert hatte, gelang ihm mit der frühen G-Dur-Toccata ein zwar nicht umwerfender, aber doch ordentlicher Abschluß.

Will man Koopmans eiernde Tempi, die sich jenseits dessen bewegen, was man noch Agogik nennen kann, nicht als schiere Unfähigkeit verstehen, stößt man auf einen tiefen Zwiespalt historischer Aufführungspraxis: Einerseits muß sich der Interpret als Restaurator verstehen, andererseits erfährt er aus den Quellen, daß seine Freiheiten vergleichsweise groß sind. Wird die Verantwortung für Tempo, Artikulation und Klang nach Möglichkeit an das historische Regelwerk abgetreten, so wirken alle subjektiven, meist expressiv gemeinten Abweichungen vom Grundmaß dieser Parameter als groteske Verzerrungen, da dieses Grundmaß selbst nicht subjektiv, durch individuelle Einsicht bestimmt wurde.


Ton Koopman – is unable to play the organ, - is unable to play the harsichord, - is unable to direct, - is a maximum un-musical person.

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