Archiv Johann Sebastian Bach

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Denn die Gottes Ehre schänden, trifft ein Fluch, der tödlich ist

Ein Aufsatz von Martin Möller

Johann Sebastian wurde bekanntlich im Jahre 1685 geboren, er starb im Jahre 1750. Dementsprechend gelten unserer neueren Zeit jeweils diejenigen Jahre des Jahrhunderts, die auf 00, 35, 50 und 85 enden als „Bachjahre“. Eigentlich wäre dies nicht nötig, genießt Bach doch durch alle Jahre hindurch die ihm gebührende Liebe. Doch die demokratische Kulturindustrie braucht Futter, gern lassen sich die Demokratie-Politiker in Philharmonien und ehrwürdigen Kirchengebäuden feiern und dazu eignen sich derartige Jubiläen aufs Beste.

Das Jahr 2000 war ein derartiges Bachjahr - vor 250 Jahren verstarb der Großmeister der deutschen Musik in Leipzig. An diesem noch immer deutschsprachigen Ort fand dann auch der „nationale“ BRD-Festakt und ein Bach-Fest statt, konzertierte Ereignisse, deren Sinn die Trivialisierung, die Verflachung und die Anpassung Bachs an die hirnlose Event-Kultur war. Es war zuvor schwer vorstellbar, daß nach 56 Jahren Sozialismus ein noch größerer geistiger Tiefstand erreicht werden kann. Doch wurde die Welt eines besseren belehrt. Die Bach-Deutung in der DDR war zwar verstiegen, aber sie war von intellektuell nachvollziehbaren Parametern bestimmt, die eine geistige Auseinandersetzung ermöglichten. Das kann man von den heutigen Bachzerstörern kaum behaupten. Sie ergehen sich in Aneinanderreihungen von hypermoralischen, einem heuchlerischen Zeitgeist geschuldeten Verstiegenheiten und Allgemeinplätzen, die jeder intellektuellen Rezeption spotten.

Festredner war der Harvard-Professor Wolff, der die postnationale Bachdeutung definierte. Er begann seine Rede mit der völlig sinnlosen Aussage, das England des 18. Jahrhunderts sei „fortschrittlich“, Deutschland jedoch „ständisch-autoritär“ gewesen, wobei das Wort „autoritär“ - was Herr Wolff durchaus weiß - einen ausgesprochen denunziatorischen Charakter trägt. Welche Fortschrittsideologie vertritt Herr Wolff? Das verriet er schlauerweise nicht, wenn er auch die DDR außergewöhnlich sanft behandelt und sie affirmativ „realsozialistisch“ nennt - Honecker läßt grüßen.

Wie läßt sich die Aussage begründen, die Zeit der deutschen Teilung hätte deutlich gemacht, „daß Bach nicht den Deutschen gehört“? Welcher Bachforscher, welches Mitglied der Bachgemeinde hätte je behauptet, daß Bach den Deutschen „gehört“, vielleicht gar „allein gehört“? Hat der Professor Wolff Roß und Reiter genannt? Keinesfalls, und so blieb seine ganze „Rede“ ein übles Fischen im Trüben.

Wolff behauptete, „im deutschen Namen wurde Bach vielfach mißbraucht, wenn er ideologischen Zielen dienstbar gemacht wurde“. Auch dies eine weitgehend sinnlose Aussage. Man darf sich fragen, ob die DDR-Kommunisten Bach mißbraucht haben, ihn überhaupt mißbrauchen wollten. Als Sozialisten haben sie ihn jedenfalls nicht bezeichnet, ihre Versuche, die europäische und deutsche Geistesgeschichte in ihren Typus der modernen Fortschrittsideologie einzuordnen, waren eher komisch und hilflos - wie man bei der Lektüre der Begleittexte von vielen DDR-Bachplatten konstatieren mußte, über die ich schon als Jugendlicher herzlich gelacht habe. Herrn Wolff hätten sie jedenfalls bei seinem nicht hilflosen, sondern bösartigen Versuch, Bach, wenn auch nicht „im deutschen Namen“ zu mißbrauchen, begeistert zugestimmt.

Der politisch-korrekte, multikulturelle Puderzucker, den Wolff über seine Rede streut, erweckt nichts als Brechreiz. Wolff sinniert darüber, wie es einen Nationalhelden, als der Bach angeblich hingestellt worden war, ohne einen Nationalstaat geben kann. Vielleicht kann ihn einer seiner Kollegen an der Universität belehren, daß „Nationalstaaten“ ein sehr junges und absolut untypisch deutsches, „Nationen“ jedoch ein erheblich älteres Phänomen sind und daß es keineswegs „fortschrittlich“ ist, einen „Nationalstaat“ zu bilden, den die Deutschen übrigens bestenfalls von 1938 bis 1945 besessen haben.

Lächerlich werden die antinationalen Wortspenden Wolffs, wenn er auf die Überwindung der „Sprachgrenzen in der Musik“ zu sprechen kommt. Wenn die „Heimat der bachschen Musik die ganze Welt ist“, eine Aussage übrigens, die reinen Kulturimperialismus repräsentiert, dann bedeutet dies noch lange nicht, daß Bach ein heimatloser Komponist gewesen ist. Und wenn Bach französischen, italienischen und polnischen Nationalstil integriert, dann kann er dies eben nur als deutscher, ja nur als mitteldeutscher, sächsisch-thüringischer Komponist tun. Dies ist allgemein bekannt und unbestritten.

Nicht nur lächerlich, sondern heimtückisch ist Wolffs Versuch, die „nationalistisch-borniert-deutschen“ Kantatentexte der herrlichen „übernational-multikulturellen“ Welt der h-moll-Messe gegenüberzustellen. Wer wie Wolff versucht, die bodenständigen, tief in den deutschen Traditionen verwurzelten kirchlichen Dichtungen der Bachkantaten gegen die lateinischen Texte der Messen, Magnificat etc. auszuspielen, ist nicht nur in erschreckendem Maße ignorant, er wird auch zum Saboteur an allem, was Bachsche Musik bedeutet.

Ebenso haltlos die aus einem derangierten Ökumenismus rührenden Aussagen, Bach hätte sich um „pragmatische Verständigung über die … Konfessionsgrenzen hinweg bemüht“. Bach war alles andere als ein Unionsprotestant und hat sich lebenslang wahrlich deutlich genug gegen jede leichtfertige Übertretung konfessioneller Grenzen auch innerhalb des Protestantismus gewendet. Obwohl es Herrn Wolff kaum beeindrucken wird, nur einige Zitate aus Bachkantaten, die Bach durchaus bekräftigend vertont hat:

… und uns für des Türken und des Papsts grausamen Mord und Lästerungen,
Wüten und Toben väterlich behüten. Erhör uns, lieber Herre Gott!

… Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
und steur’ des Papsts und Türken Mord,
die Jesum Christum, deinen Sohn,
Stürzen wollen von seinem Thron.

Sicherlich, das war nicht mehr das Lebensgefühl und die konfessionelle Realität der Bachzeit, doch hat Bach das Luthertum des Konkordienbuches zeit seines Lebens in Wort, Tat und im ganzem Wesen so deutlich vertreten, daß die Vorstellung von vielleicht noch gar interreligiösem Ökumenismus á la Küng bei Bach Unterstellung ist. Leicht ist anhand des Bachschen Vokalwerkes der Nachweis zu erbringen, daß Bachs musikalische Umsetzung seiner Textvorlagen bewußt lutherisch war und somit sowohl gegen jede konfessionelle Aufweichung als auch gegen den fortschrittlich-aufklärerischen Zeitgeist gerichtet war, den Herr Wolff in absolut unbachischer, ja in gemeingefährlicher Weise vertritt. Die Idee, daß Bach ein Wortführer interkonfessionellen Pragmatismus gewesen ist, gleicht einem Witz, denn Bach lebte 200 Jahre nach dem Reichstag von Augsburg, auf dem ein solcher Pragmatismus begründet und zur reichsrechtlichen Tatsache wurde. Man sieht, auch in diesem Falle geht es Wolff nicht um Bach, sondern um zeitgeistkonforme Ideologie, die mit der lebendigen Wirklichkeit Bachs und seiner Musik nicht das geringste zu tun hat. Das wird auch deutlich aus dem nächsten Diktum von der „missionarisch-bedrohlichen“ Sprache. Auch hier verschweigt Wolff geflissentlich, was und wen er denn eigentlich meint. Bachs musikalische Aussagen jedenfalls können außerordentlich bedrohlich werden:

Wer in der Welt den Himmel sucht, wird dort verflucht.

Eine sehr eindringliche, sehr - zurecht - bedrohliche Sprache, die so gar nicht in die religiös-pluralistischen Scheinwelt paßt, in der Wolff lebt. Oder dies:

Ach! aber ach, wieviel Gefahr stellt sich der Seele dar, den Sterbeweg zu gehen! … Vielleicht ist sie bereits verflucht zum ewigen Verderben.

Über einen derartig fortschrittsfeindlichen Fundamentalismus wird sich Progressist Wolff gar nicht freuen. Vielleicht sollte man zum Lateinischen greifen, um etwas mehr „Übernationalität“ herauszuholen:

Et iterum venturus est cum gloria judicare vivos et mortuos.

Auch dies eine mehr als bedrohliche Aussage, die der religiös-pluralistischen Welt selbst dann nicht schmecken würde, wenn es den Synkretisten gelänge, den gesamten Bach in „absolute Musik“ umzuwidmen. Spontan fiel mir bei der Lektüre des Wolff-Vortrags das „missionarisch-bedrohliche“ Kantatenzitat ein: „Denn die Gottes Ehre schänden, trifft ein Fluch, der tödlich ist.“

Noch ein Wort zur menschenverachtenden Holocaust-Lyrik, die Herr Wolff sich nicht gescheut hat, in seiner Rede unterzubringen. Die gotteslästerliche Bedeutung, die mit dem Begriff „Holocaust“ dem Genozid an den europäischen Juden verliehen wird, ist für jeden Kenner der Heiligen Schriften gerade des Judentums offenbar. Man wird auch schwerlich einen orthodoxen Juden finden, der diesen Begriff aus der Schmierenwelt der Hollywoodserien verwenden mag. Auch Professor Steinbach, der Leiter unserer staatsoffiziellen »Gedenkstätte Deutscher Widerstand«, ein durch und durch redlicher Wissenschaftler, der sich erheblicher Kritik von konservativer Seite stellen mußte, würdigte er doch in seiner Gedenkstelle auch den (angeblichen) kommunistischen Widerstand[1], bezeichnete die Ettikettierung der Geschehnisse zwischen 1940 und 1945 mit „Holocaust“ als Blasphemie.

Heute wird in einem schamlosen, weil durch und durch verlogenen Sinne, das Leid der europäischen Juden mit einem geschichtlich bisher nicht gekannten Zynismus ausgebeutet. Dafür stehen gerade die Vielzahl der sogenannten „Holocaust-Museen“, die uns Herr Wolff zum Beispiel empfiehlt. Finkelstein, Novick und viele andere haben das sehr hellsichtig analysiert. Angesichts dieses blasphemischen Komplexes wundert es auch nicht, daß Wolff seine Rede zur Denunzierung der redlichen Ohrdruffer Stadtväter benutzt, die, so Wolff, in der „kürzlich erschienenen Festschrift … das ehemalige KZ mit keinem Wort erwähnten“. Angesichts dieser Niedertracht möchte ich doch an dieser Stelle auf das Beispiel vieler jüdischer Musiker und Musikwissenschaftler verweisen, die im Gegensatz zu Wolff das Werk Bachs verteidigt haben, nicht zuletzt gegen die Versuche, Bach selbst zum Antisemiten zu stempeln und sein Werk in die Unheilsgeschichte des Antisemitismus zu stellen.

Wolff (Jg. 1940) ist kein Nobody. Er gilt neben Professor Schulze aus Leipzig als die Koryphäe der Bachforschung und hat zum verflossenen Bachjahr ein Buch herausgebracht, das geeignet ist, den Longtimeseller Schweitzers in den Schatten zu stellen. Mit Professuren, Staatspreisen und Medaillen wurde er überhäuft und leitet nun auch noch das Bach-Archiv in Leipzig. Angesichts seiner Leipziger Rede muß man befürchten, daß sein Auftrag die Verfälschung und Instrumentalisierung der deutschen Kirchenmusik im Sinne von NWO ist. Da die Kirche in Deutschland selbst nicht mehr weiß, was diese Musik ist und bedeutet, dürften dieser Zersetzung keine nennenswerten Hindernisse in den Weg gelegt werden. Trotz des Skandals dieser Rede über dem Grabe Bachs wurde in Leipzig brav geklatscht, auch bei der Bach verhöhnenden Gossenmusik anschließend am Alten Rathaus.

Was hätte Bach dazu gesagt? Seine Maßstäbe waren klar, jedermann kann sie nachvollziehen. Eine Musik, die, wie bei den Leipziger Bachfestlichkeiten, nicht entweder der Ehre Gottes oder der Gemütserbauung dient, ist, so Bach, ein höllisches Geplärr und Geleier. Und zu einer Rede, wie die des Professors Wolff hätte er auf die Arie seiner Kantate „Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei“ verwiesen:

Falscher Heuchler Ebenbild
können Sodomsäpfel heißen,
die mit Unflat angefüllt
und von außen herrlich gleißen.
Heuchler, die von außen schön,
können nicht vor Gott bestehn.



[1] der, wie wir wissen, auf Befehl Stalins von heute auf morgen abgestellt werden konnte (1939 - 1941), mithin keinesfalls auf Gewissensentscheidung beruhte

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