Die Psalmhymne „An Wasserflüssen
Babylon“ von Wolfgang Dachstein in ihren Bearbeitungen durch Johann
Sebastian Bach
Zur Terminologie: Bekanntlich weist das Bachwerkeverzeichnis
(BWV) von Wolfgang Schmieder schwerste methodische und wissenschaftliche
Mängel auf und muß als unbrauchbar bezeichnet werden. Leider hat
die Bachforschung in den vergangenen 60 Jahren noch keinen ernsthaften
Versuch unternommen, diesen grauenhaften Mißstand durch ein neu
zu erarbeitendes Verzeichnis zu beheben. Im Gegenteil, bei Breitkopf
und Härtel erschien im Jahre 1998 eine „Kleine Ausgabe“ des BWV,
daß sich irrsinigerweise „BWV 2a“ nennt und die Verwirrung
komplett macht.
Heute stehen wir vor der Situation, daß ein
und dieselbe BWV-Nummer völlig verschiedene Werke bezeichnen kann,
von dem Durcheinander bei Indizes, Anhang-Bezeichnungen und ähnlichem
ganz zu schweigen. Die Herausgeber der Neuen Bachausgabe (NBA)
im sogenannten „Bärenreiterverlag“ nahmen sich die Freiheit ganz
nach Belieben mit der wissenschaftlichen Terminologie umzugehen
und verschlimmerten die Situation von Jahr zu Jahr. Gottlob ist
die NBA inzwischen abgeschlossen und man könnte damit beginnen,
Ordnung in das von Wolfgang Schmieder begonnene und vom sogenannten
„Bärenreiterverlag“ komplettierte Chaos zu bringen.
Im Falle der
Choralfantasie „An Wasserflüssen Babylon“ nannte Schmieder die
Erstfassung „653 b“ und die Zwischenfassung „653 a“.
Dies paßte den Herausgebern des „Kleinen BWV“ nicht, da ja bekanntlich
A vor B kommt, tauschten sie den Index aus. Nun weiß niemand mehr,
wann und von welcher Fassung die Rede ist. Ein Grund mehr, auf
die BWV-Angaben für immer zu verzichten, was nicht besonders schwer
ist.
Das Lied An Wasserflüssen
Babylon nimmt eine besondere Stellung im deutschen Hymnenschatz
und in Bachs Werk ein. Es handelt sich um ein Psalmlied über den
Psalm 137, denselben Psalm, dem auch der beliebte Diskoschlager
By the rivers of Babylon
nachempfunden ist. Das Lied An Wasserflüssen Babylon
war in der Barockzeit außerordentlich populär, ja es gehörte zu
den beliebtesten Liedern überhaupt:
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1. An Wasserflüssen
Babylon
da saßen wir mit Schmerzen,
als wir gedachten an Zion
da weinten wir von Herzen!
Wir hingen auf mit schwerem Mut,
die Harfen und die Orgeln gut
an ihre Baum der Weiden,
die drinnen sind in ihrem Land,
da mußten wir viel Schmach und Schand
täglich von ihnen leiden.
2. Die uns gefangen
hielten lang
so hart an selben Orten,
begehrten von uns ein’ Gesang
mit gar spöttischen Worten.
Und suchten in der Traurigkeit
ein fröhlich G’sang in unserm Leid:
Ach Lieber, tut uns singen
ein’ Lobgesang, ein Liedlein schon,
von den Gedichten aus Zion,
das fröhlich tut erklingen.
3. Wie sollen
wir in solchem Zwang
und Elend itzt vorhanden
dem Herren singen ein’ Gesang
so gar in fremden Landen?
Jerusalem, vergess’ ich dein,
so wolle Gott der Rechten mein
vergessen in mein’m Leben,
wenn ich nicht dein bleib eingedenk,
mein Zung sich oben angehänk,
und bleib am Rachen kleben. |
4. Ja wenn ich
nicht mit ganzem Fleiß
Jerusalem, dich ehre,
im Anfang deiner Freudenpreis
von itzt und immermehre,
gedenk der Kinder Edom sehr
am Tag Jerusalem, o Herr,
die in ihr’ Bosheit sprechen:
Reiß’ ab, reiß’ ab zu aller Stund,
vertilg sie gar bis auf den Grund,
den Boden woll’n wir brechen.
5. Du schnöde
Tochter Babylon
zerbrochen und zerstöret,
wohl dem, der dir wird geb’n den Lohn
und dir das wiederkehret,
dein Übermut und Schalkheit groß,
und mißt dir auch mit solchem Maß,
wie du uns hast gemessen,
wohl dem, der deine Kinder klein
erfaßt und schlägt sie an ein’ Stein,
damit dein’ werd vergessen. |
Die Dichtung stammt von Wolfgang Dachstein, der
in Erfurt Kommilitone von Luther gewesen war, sich dann jedoch
nicht dem Augustiner-, sondern dem Dominikanerorden anschloß.
Wenn Dachstein sich auch in vielem evangelischem Gedankengut näherte,
blieb er doch zeitlebens der Kirche treu. Dachstein war nicht
nur Theologe, sondern auch Musiker und sogar Organist am Münster
von Straßburg im Unterelsaß. So schuf er nicht nur den Text, sondern
auch die außerordentlich schöne Weise, die zu Recht schon bald
als melodia suavissima gerühmt wurde. Auch Luther lernte
Dachsteins Lied schätzen und nahm das Lied kurz vor seinem Tode
in das Babstsche Gesangbuch auf.
Fast jeder Komponist des 17. und 18. Jh. hat
eine Bearbeitung des Liedes geschaffen, ich nennen nur Franz Tunder,
Heinrich Schütz, Jan Adam Reincken, Johann Hermann Schein und
Johann Christoph Bach. Selbst von Carl Loewe ist ein entsprechendes
Lied bekannt! Es sei darauf hingewiesene, daß die Reincken-Komposition,
die jahrhundertelang als verschollen galt, inzwischen wieder aufgetaucht
ist und sogar auf CD eingespielt wurde. Das Lied „An Wasserflüssen
Babylon“ war noch in den Gesangbüchern des 19. Jh. häufig vertreten
und ist erst Mitte des 20. Jh. aus den Gesangbüchern wohl völlig
verschwunden.
Bach kannte das Lied natürlich wie alle Lieder
der Reformationszeit genauestens und er kannte auch die Kompositionstradition
des Liedes, hatte er doch den greisen Jan Adam Reincken dessen
monumentale Fantasie über den Choral noch selbst spielen gehört.
Reincken war 1643 geboren, zu einer Zeit also, als ein Johann
Heermann noch lebte! Er gehörte der Generation von Bachs Großeltern
an. Als Bach Schüler in Lüneburg war, hat er im Jahre 1701 die
über 40 Kilometer nach Hamburg mehrmals zu Fuß hin- und zurückgelegt
um den dort wirkenden und schon betagten Reincken spielen zu hören.
Bach war damals etwa 17 Jahre alt.
Spätestens nach seinem zweiten Dienstantritt
in Weimar im Jahre 1708 faßte Bach dann den Plan, sich in die
Tradition Reinckens zu stellen und eine Fantasie über An Wasserflüssen
Babylon zu komponieren. Dieser Aufgabe entledigte er sich mit der fünfstimmigen Fantasie con
pedale doppio. Diese Komposition folgt allerdings nicht
dem Vorbild der norddeutschen Choralphantasie wie der Pseudo-Bach-Präzeptor
Christoph Wolff plappert: „Der Choral ist an Reinckens Vorbild
orientiert.“ Hermann Keller schreibt zum Bachschen Satz:
„Das Wunderwerk dieses Satzes ist vom Charakter
einer Improvisationsform nach dem Vorbild der weitschweifigen
norddeutschen Fantasien so weit entfernt, daß die Hamburger Reise
[von 1720] höchstens der äußere Anlaß zur Ausarbeitung eines der
genialsten Choralvorspiele Bachs gewesen sein kann. Die Bewegung
ist die einer Sarabande, der c. f. ist sparsam und ausdrucksvoll
verziert, zu ihm wird kein ostinater Baß, sondern eine Art von
ostinatem Sopran geführt, unablässig klagt der zweite Sopran,
jeweils der Tonart der Zeilen angepaßt, in achttaktigen Ritornellen,
in kunstvoller Engführung mit dem Cantus firmus.
Es ist eine Unersättlichkeit der Wehmut darin,
die den Schmerz fast aufhebt. Bach zeigt uns hier Tiefen seines
Wesens, in die er uns sonst nicht schauen läßt.“
Heute wissen
wir, daß der Choral nicht etwa erst in Köthen um 1720, sondern
bereits viel früher in Weimar, also in größerer zeitlicher Nähe
zu der Lüneburger Jugend des Meisters entstanden ist. Bereits
Spitta vermutete sicherlich zu Recht, daß der Choral „nicht später
als bis zum Jahr 1712“ entstanden ist.
Allerdings ging Spitta noch von der Vorstellung
aus, die erste der beiden vierstimmigen Fassungen ohne Doppelpedal
sei die ursprüngliche Komposition und Bach habe der Erstfassung
später eine weitere Baßstimme hinzugefügt. Dies ist jedoch nicht
der Fall, die fünfstimmige Fassung con pedale doppio ist
das Original. Hans Klotz, der Herausgeber des Chorals in der NBA
schreibt völlig zu recht:
„Die fünfstimmige Fassung BWV 653b (heute
653a) ist die Urfassung des Stückes, 653a (heute 653b) dagegen
ist eine vierstimmige Bearbeitung, die in einer älteren (Weimarer)
und einer jüngeren (Leipziger) Fassung vorliegt; die Baßstimme
von BWV 653a ist offenbar ein Kompromiß aus den beiden Baßstimmen
von BWV 653b; auch ist BWV 653a rhythmisch reicher entwickelt
als BWV 653b; in BWV 653 ist diese rhythmische Profilierung
weiter geführt.“
Es ist schwer zu sagen, warum Bach die fünfstimmige
Urfassung reduziert hat. Keller stellt eine Vermutung auf:
„Da die Technik des Doppelpedalspiels im
18. Jh. immer mehr verlorenging, entschloß sich Bach zu einer
Umarbeitung und Vereinfachung auf vier Stimmen, bei der er den
c. f. vom Sopran in den Tenor legte; in einer Handschrift
von Krebs stehen beide Fassungen zusammen.“
Und zuvor:
„Sollte man es für möglich halten, daß er
in späteren Jahren, als das Doppelpedalspiel nicht mehr gebräuchlich
war, dieses Wunderwerk zu einem vierstimmigen Satz umgearbeitet
und vereinfacht hat?“
Doch eine lediglich der Vereinfachung dienende
Reduzierung widerspricht dem Wesen und der Arbeitsweise Bachs
so kraß, daß sie kaum Grund für die Umarbeitung gewesen sein kann.
Es ist wahrscheinlicher, daß Bachs Wunsch, den c. f. vom
Sopran in den Tenor zu verlegen, den Anstoß zur Reduzierung der
Stimmen geliefert hat. Weist die Urfassung (SSATB) zwei Sopranstimmen
auf, hätte die Tiefoktavierung des c. f. vom Sopran in den
Tenor nun Konflikte mit der bisherigen Tenorstimme in der hohen
Pedallage verursacht. Daraus resultierten klangliche und satztechnische
Probleme, denen Bach durch die Auflösung der beiden Pedalstimmen
zu einer Baßstimme aus dem Weg ging.
Es ist auch nicht zu bestreiten, daß die vierstimmige
Fassung mit c.f. im Tenor ausgewogener und klangschöner ist als
die Urfassung. Wenn vielfach der Zusammenhang des Stückes zur
Hamburger Bewerbung von 1720 herausgestellt wird, dann kann dieser
Zusammenhang allerdings bestenfalls mit der Umarbeitung
der Urfassung bestehen. Sollte die Umarbeitung für die Bewerbung
entstanden sein? Auszuschließen ist es jedenfalls nicht, und Bach
könnte bestimmte Überlegungen damit verknüpft haben.
Vielleicht wollte Bach sowohl die vier- als auch
die fünfstimmige Variante in Hamburg vorstellen, um ein Beispiel
seiner Kompositionskunst für den vier- und fünfstimmigen Orgelsatz
zu liefern. Diese Möglichkeit erscheint jedenfalls wahrscheinlicher,
als der Wunsch nach Vereinfachung, der weder für Bach, noch für
seine Kinder und Schüler einen Sinn gehabt hätte. Daß diese sowohl
das Spiel, als auch die Komposition für Doppelpedal beherrschten,
zeigt die großartige Choralfantasie „Wir glauben all an einen
Gott, Vater, Sohn und Heilgen Geist“ von Johann Ludwig Krebs,
die viele Jahre später in Leipzig oder Altenburg entstand!
Zurückzuweisen ist jedenfalls die Vorstellung,
der Choral könne in einem Zusammenhang zu der Bestattung von Maria
Barbara Bach im Juni 1720 in Köthen stehen. Darauf deutet nichts
hin. Dieser Gedanke wurde auch nur deshalb geäußert, weil die
Reise nach Hamburg vier Monate nach der Beerdigung von Bachs erster
Frau, also in zeitlicher Nähe stattfand.
Wie sah nun der Prozeß der zwiefachen Umarbeitung
aus? Bei der ersten Umarbeitung löste Bach die Baß- und Tenorstimme
zu einer einzigen Pedalstimme auf und zwar fast überall dadurch,
daß er die alte Baßstimme in den neuen Satz übernahm. An einigen
geeigneten Stellen wurde auch die Baßstimme fortgelassen und die
bisherige Tenorstimme zur Baßstimme umgewidmet. Rhythmisch wurde
so gut wie gar nichts geändert. Man kann sagen, daß im Verhältnis
zur Erstfassung nun ein ruhigeres und kräftigeres Baßfundament
den Satz trägt.
Die bisherigen Stimmen Zweiter Sopran und
Alt wurden sodann als Sopran- und Altstimme
vom zweiten auf das erste Manual gelegt und in ihrer rhythmischen
Ausprägung verfeinert. An die Stelle von Achteln treten häufige
Sechzehnteldurchgänge und -bewegungen, einige Verzierungen sorgten
für zusätzliche Belebung des Satzes. Der bisherige Erste Sopran
wurde tiefoktaviert vom ersten auf das zweite Manual transponiert,
so daß der Cantus firmus nun sachgerecht im Tenor liegt.
Die zweite in das Leipziger Choralbuch eingegangene
Umarbeitung (BWV 653) stellt eine weitere Intensivierung bzw.
Verstärkung der ersten dar. Der Rhythmus der Oberstimmen wurde
weiter geschärft, und zusätzliche Verzierungen vorgeschrieben.
Am Ende des Stückes wurden sieben Takte Abgesang angefügt, so
daß das Stück nunmehr nicht 77 Takte sondern 83 Takte lang ist.